Das MÄRCHEN der vorbeugenden ENTWURMUNG

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Das MÄRCHEN der vorbeugenden ENTWURMUNG

Da sich durch den stetigen Fortschritt gerade im medizinischen Sektor ständig Änderungen in Wissen und Besserwissen ergeben, hier der aktuelle Stand mit Rückblick auf frühere Ansichten…

Früher war es doch so einfach (und auch besser?): 4x im Jahr wurden und ‚blind‘ entwurmt – das heißt alle 12 Wochen bzw. alle 3 Monate (egal ob befallen oder nicht).
Aber woher kam dieser zeitliche Abstand?
Dabei handelt es sich einfach um den Zeitraum, den ein gewöhnlicher Magen-Darm-Wurm (Haken- oder Spulwürmer) benötigt um aus seinem Ei zu schlüpfen, heranzuwachsen und selbstständig infektiöse Eier zu ‚produzieren‘, die dann ausgeschieden werden – die sogenannte Präpatenz-Zeit.

Eine vorbeugende bzw. PROPHYLAKTISCHE Entwurmung gibt es jedoch (zum derzeitigen Zeitpunkt) nicht – das bedeutet, dass eine Entwurmung, ’nur‘ den Darm des behandelten Tieres aktuell von Parasiten befreit. Bei den handelsüblichen Präparaten umfasst dies in der Regel sämtliche Haken-, Spul- und Bandwürmer (manchmal auch incl. Herz- und Lungenwürmern).
Daher kann sich das frisch ‚entwurmte‘ Tier auch bereits am Folgetag wieder durch die orale Aufnahme von Wurmlarven oder Eier wieder infizieren – und schon geht der Kreislauf von vorne los…
Man merke sich also: die Wirkung einer Wurmkur hält nicht an und schützt somit auch nicht vor einer neuen Infektion!

Warum aber nicht einfach blind (egal ob Würmer da sind oder nicht) in regelmäßigen Abständen entwurmen?
Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass sich die Parasiten langsam an bestimmte Wirkstoffe gewöhnt haben. Eine ganz ähnliche Symptomatik ist bei den antiobiotikaresistenten Bakterien ja schon länger bekannt. Auch bei Zecken und Flöhen beobachten wir bespielsweise eine schwindende Wirkung des seit 1993 verfügbaren Fipronils.

Daher empfehlen wir statt einer ‚Wurmkur auf Verdacht‘ eine Kotuntersuchung auf Wurmeier!
Wichtig dabei ist, dass es sich um eine Sammel-Kotprobe handelt, da nicht jeder Parasit pünktlich einmal pro Tag Eier ausgescheidet. Die Kotprobe sollte deshalb von drei (!!!) Tagen sein und jeweils eine ca. walnussgroße Menge pro Tag umfassen.
Denn warum sollte man sein Haustier therapieren wenn es doch garnicht krank bzw. befallen ist???

Der FINANZIELLE Aspekt darf aber nicht verschwiegen werden…
Eine Kotuntersuchung auf Endoparasiten wird durch Aufwand, Material und Personal bereits teurer berechnet als das Medikament fürs ‚blinde Entwurmen‘. Bei positivem Befund kommt dann nochmal der Preis für das Wurmmittel obendrauf – abhängig vom Gewicht des Patienten. Selbst bei einem negativen Befund wird zumindest die Gebühr für die Kotuntersuchung fällig. In Summe somit deutlich teurer als die blinde Variante.
Hinzu kommt, dass wir Tierärzte an einer Leistung (in diesem Falle der Kotuntersuchung) viel ‚mehr‘ verdienen als am Verkauf bzw. der Rezeptierung von Medikamenten.
Dafür ist die Kotuntersuchung auf Endoparasiten deutlich zeitaufwendiger: knappe 20 Minuten fürs Ansetzen der Flotationslösung und ca. fünf bis zehn weitere Minuten fürs Auswerten, Beurteilen, Eintragen und Besprechen des Befundes mit Herrchen und/oder Frauchen.
Aber gerne nochmal: Warum sollte man sein Haustier therapieren wenn es doch garnicht nötig ist???


Auch vorausschauend betrachtet, macht es deutlich mehr Sinn etwas zu behandeln, was auch bewiesenermaßen tatsächlich da ist, oder?

Von natürlichen Entwurmungsversuchen mit Karotten, Knoblauch, diversen Homöopathika, Ölen oder Ähnlichem rate ich schlichtweg ab. Im besten Falle wird es nichts nutzen… Aber das soll hier gar nicht das Thema sein.

Die Aussage „…ich hab keine Würmer im Häufchen gesehn – deswegen hat er/sie auch keine…“ ist übrigens alles andere als sicher, da Würmer meist erst bei extremer Überbesiedlung ausgeschieden werden und die infektiösen Wurmeier bzw. Larven (siehe Bilder dieses Artikels) unmöglich mit bloßen Augen zu erkennen sind. Dann doch lieber mit dem Mikroskop und dafür eine belastbare und obendrein sichere Diagnose.

Es existiert auch eine aktuell offizielle Empfehlungsreihe der ESCAAP (Vereinigung von Veterinärparasitologen) bezüglich Entwurmungsintervallen. Ob man aber beispielsweise eine Freigängerkatze 12x pro Jahr entwurmen bzw. deren untersuchen sollte, überlasse ich mal dem geneigten Leser.

Der Begriff der ‚Wurmkur‘ gilt übrigens als veraltet… Er stammt aus vergangenen Jahrzehnten als die verwendeten Präparate generell über mehrere Tage angewendet werden mussten. Heutzutage wird eine solche Intervallgabe nur noch bei speziellen Parasiten wie beispielsweise Giardien angewendet.

Bei noch offenen Fragen steht euch euer Haustierarzt mit Rat und Tat zur Verfügung.

Man liest sich…

Tierarzt Sebastian Goßmann- Jonigkeit (aus Engelskirchen nahe Köln)

Gastautor: Dr. Jonigkeit
Tierarztpraxis Dr. Elke Jonigkeit
Olpener Straße 25
51766 Engelskirchen
Web: tierarzt-jonigkeit.de
: facebook.com/Tierarzt.Jonigkeit

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