Was KOSTET denn bei Ihnen eine EINSCHLÄFERUNG?

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Was KOSTET denn bei Ihnen eine EINSCHLÄFERUNG?

Passend zum heutigen Black Friday geht es nun um den finanziellen Aspekt der Einschläferung und leider auch wieder ein wenig um die Geiz-ist-geil-Mentalität… auch in der Tiermedizin.

Der Anruf einer unbekannten Person, die erfragen möchte was die Einschläferung durch unsere Praxis kostet, verwirrt mich regelmäßig und macht mich immer wieder nachdenklich…
Dabei können die Gründe zur Anfrage eines Kostenvoranschlag von Neukunden sehr vielschichtig sein:

Die finanziellen Möglichkeiten des Halters können im Laufe einer aufwendigen Diagnostik zur Neige gegangen sein
oder
Das Vertrauensverhältnis zwischen anbehandelndem und Halter ist unüberbrückbar gestört
oder
Der Kostenvoranschlag für eine Einschläferung (unter Umständen im Hausbesuch) erscheint dem Halter zu hoch bzw. er/sie sucht ein günstigeres Angebot
oder, oder, oder …

Das Problem für uns Tierärzte ist bei jeder ‚Ursache‘ jedoch das Gleiche:
Was antwortet man? Beispielsweise „Bei einem Körpergewicht von 30kg kostet sie der gewünschte Tod ihres Hundes incl. Tierkörperbeseitigung 79,99€“ ?
NEIN – definitiv nicht!
Denn diese Leistung ist alles Andere als 0815 – Mancher glaubt, dass es ja bloß zwei Spritzen und kurzes Abhören ist… weit gefehlt!
Eine Euthanasie stellt die schmerzlose eines Wirbelstieres dar, welches teils mehr als 20 Jahre als ‚Familienmitglied‘ im Kreise seiner Liebsten gelebt hat.
Jede Euthanasie ist einzigartig und darf nicht nach Schema F ablaufen!

Aus diesen Gründen kann ich auch gerade im Hinblick auf den Kostenfaktor nicht nachvollziehen wie ein Halter die Erlösung seines geliebten Tieres in die Hände einer ihm/ihr bis dato unbekannten Person legen kann.
Es will mir einfach nicht in meinen Schädel!
Auch für genau diesen Fall ist in meinen Augen ein uneingeschränktes Tierhalter-Tierarzt-Vertrauensverhältnis unabdingbar und absolute Grundvoraussetzung.

Gerade bei Tierarzthoppern kann man im Sinne des Haustieres nur hoffen, dass der vermutlich aktuell günstigste Veterinär entsprechendes Fachwissen und obendrein das nötige Feingefühl besitzt. Wo man sich ja schon nicht kennt…

Als nur schwer kompensierbares Problem sehe ich ebenfalls den rein ethischen Aspekt der (teils unbewiesenen) Indikation zur Erlösung.
Wenn ein aufgelöstes Herrchen/Frauchen vor mir steht und um die Erlösung ihres lange (!!!) schon leidenden Lieblings bittet, gilt es sorgfältig zu prüfen warum ich gerade auserkohren wurde.
Diese Prüfung kann sich durchaus einfach darstellen wenn z.B. der Patient an einem Leberversagen leidet und sich entsprechend eine Gelbfärbung (Ikterus) sämtlicher Schleimhäute zeigt oder entsprechende Blutbefunde vom vorbehandelnden Tierarzt mitgebracht werden.

Aber gerade bei Aussagen Richtung „Der ist aggressiv und beißt“ oder „Seit Wochen hat er Durchfall und ist schon ganz schwach“ muss man skeptisch sein – man kann doch aufgrund einer solchen Aussage nicht einfach ein Tier töten…
Ist es vielleicht bloß Bequemlichkeit?
Stehen vielleicht gerade die Ferien vor der Tür und man hat keinen Platz mehr in der Hundestagestätte bekommen?
Wartet womöglich ein befelltes Weihnachtsgeschenk und das Alte muss erst weg?
Schon mehrfach erlebt…

Als Tierarzt ist man verpflichtet, neben der medizinischen Tätigkeit, dem Halter beratend zur Seite zu stehen und den besten Weg für den Patienten zu wählen. DAS ist uneingeschränkt vorrangig! Auch wenn die finanziellen Aspekte beachtet werden müssen, sind dennoch vor Entscheidung sämtliche Möglichkeiten zu erwähnen bzw. abzuwägen.
Die endgültige Entscheidung fällt der Tierhalter (beratend vom Tierarzt)!
Dennoch kann ich mich als Tierarzt weigern!!!

Manche Diagnostik (z.B. CT) wie auch Therapien (Chemotherapie o.ä.) können medizinisch und somit auch finanziell wirklich aufwändig werden, so dass dies kaum jemand so mal eben aus der Spesenkasse bezahlen kann. Für solche Sonderkonditionen sollte dann jedoch nicht der Tierarzt als Kreditinstitut fungieren. Die Aussage „Ein Tierarzt, der keine Ratenzahlung akzeptiert, kann kein Tierfreund sein“ ist vollkommener Unsinn.

Wenn es heutzutage nicht so viele Zechpreller in Tierarztpraxen gäbe, würden sich viele Tiermediziner auch wieder auf Ratenzahlungen einlassen.
Nach dem derzeitigen Trend zu urteilen scheinen zukünftig bundesweit nur noch Stammkunden derartige Zahlungskonditionen nutzen zu dürfen. Denn wie schon oben erwähnt basiert ein Vertrauensverhältnis immer auf zwei Seiten.

Ich wäre der Letzte, der einem leidenden Tier die erlösende Spritze verwehren würde… Dennoch sind die Skrupel die Rechnung einer Einschläferung nicht zu zahlen, nach eigener Erfahrung aus der Praxis am Niedrigsten, denn ein großer Anteil unserer Forderungsverluste resultiert aus genau diesem Umstand. Traurig, aber wahr – denn wenn das Tier mal erlöst ist, sinkt anscheinend die Zahlungsmotivation signifikant ins Bodenlose.

Am finanziellen Aspekt der Euthanasie gibt es jedoch einen vollkommen paradoxen Umstand wenn man ihn auf ihn Kleinnager wie Ratten, Mäuse oder auch Meerschweinchen anwendet:
Ich lese nämlich häufiger, dass diese kleinen Säugetiere in vielen Tierarztpraxen nicht so aufwendig bzw. sorgsam behandelt würden wie und . Schließlich wären doch alle Tiere gleich!?! Stimmt auch. Defintiv!
Aber deutlich günstiger soll es dann doch sein obwohl der zeitliche Aufwand gleich ist. Schließlich reden wir ja immer noch über Tiere, die in der nächsten Zoohandlung nur einen Bruchteil von Hund und Katze kosten… Paradox, oder?

Wie immer soll dieser Artikel keinen Zeigefinger heben sondern den Ein oder Anderen mal zum Nachdenken anregen. Aus dem gleichen Grunde halte ich auch Aussagen a la „Wer für ein Tier nicht finanziell sorgen kann, darf auch keins halten“ für vollkommen unqualifiziert, da sich Lebensumstände leider schneller ändern können als einem lieb ist.
Dennoch halte ich es für unumgänglich Rücklagen auch für sein(e) Tier(e) zu bilden!
Und wenn man beispielsweise Sozialhilfeempfänger ist (Ursache völlig egal!), sollte man einfach vom Zukauf bzw. der Adoption neuer Tiere absehen!

Fortsetzung => Im letzten Artikel dieser Serie wird es übermorgen am (Toten-)Sonntag um die Kollateralschäden an Tierärzten weltweit gehen… Warum braucht es wohl Organisationen wie bspw. ‚Love your pet – love your vet‘?

Man liest sich.

Tierarzt S. Goßmann-Jonigkeit (aus Engelskirchen nahe Köln)

Gastautor: Dr. Jonigkeit
Tierarztpraxis Dr. Elke Jonigkeit
Olpener Straße 25
51766 Engelskirchen
Web: tierarzt-jonigkeit.de
: facebook.com/Tierarzt.Jonigkeit

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